Erstveröffentlichung, 1. 3. 2017

Der Nachbar ist gegangen

23. Februar 2017: Mir war bisher nicht bewusst, wie bedrohlich die Münsterglocken durch die Gassen der Berner Altstadt grollen. Diesmal rufen sie zum Dankgottesdienst, zu dem ich kurz vor zwei Uhr nachmittags durch die vibrierenden Sandsteinkatakomben eile. Die sozialdemokratische Bundesrätin ist da und der grüne Stadtpräsident auch. Von den schriftstellernden Weggefährten sehe ich Peter Bichsel und Franz Hohler, und viele von jenen, die Kurt Marti mit väterlichem, später grossväterlichem Rat unterstützt hat. Meret Matter verliest ein von Marti 2003 geschriebenen Lebenslauf (45 Jahre vorher hat er deren Vater beerdigt). Guy Krneta & Louisen bieten einige Stücke aus ihrer Marti-Hommage Rosa Loui. Pfarrer Markus Niederhäuser leitet den Gottesdienst wohltuend unprätentiös und übermittelt Martis vermutlich letzten Zweizeiler: «Ich bin zum Sterben mürb / Ach, wenn ich doch schon heute stürb».

Und gemeinsam singt die Gemeinde «Der Mond ist aufgegangen» – jene Claudius-Verse, die Kurt und Hanni Marti seinerzeit, als sie beide noch am Kuhnweg wohnten, als Gedächtnistraining auswendig gelernt und wohl auch einmal – sich korrigierend und dabei neckend – bei einem Abendessen an unserem Stubentisch rezitiert haben.

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Im Sommer 1978 war ich in Basel Musikstudent und nutzte die dreimonatigen Semesterferien, um in der Wohngemeinschaft am Riehenring, in der ich lebte, den Gedichtezyklus «nach dir kräht kein hahn» zu schreiben. Mitte November hatte ich das «oratorium», wie ich ihn nannte, abgeschlossen. Ich stellte einige Vervielfältigungen her, und eine davon ging an den mir unbekannten Kurt Marti, weil er für mich ein bedeutender Schriftsteller war. Datiert vom 26. Dezember 1978 erhielt ich von ihm daraufhin folgenden Brief:

«Sehr geehrter Herr Lerch / ich habe Ihr Oratorium durchgelesen: das ist ein Werk mit Wucht und Vehemenz in Sprache und Diktion, bitter und böse, unerbittlich und traurig, so dass ich beim Lesen oft Beklommenheit spürte. Auch die Art und Weise, wie Sie und was Sie zitieren (Rilke, Benn usw.) und der Ausklang auf das Hölderlinsche ‘Pallaksch’ ist sehr stark und überzeugend. Fast möchte ich sagen: das Ganze ist ein sehr geglücktes Zeugnis und Dokument unser[es] Unglücks.
Hie und da setze ich ein Fragezeichen, weil ich z.B. die Terroristen etwas weniger nachsichtig beurteile als Sie. Aber das tut weiter nichts zur Sache und ändert mein Urteil nicht, mein unmassgebliches, dass Ihnen da ein Wurf gelungen ist.
Wie ist das nun eigentlich? Da Sie Musik studieren, ist fast anzunehmen, dass es nicht beim Wort-Oratorium bleibt, sondern dass es ein echtes Musik-Oratorium werden soll. Oder ist diese Annahme unrichtig? Denken Sie etwa daran, den Text als Buch zu publizieren? Das wäre, denke ich, möglich. Der Text kann durchaus auch für sich stehen, für sich sprechen, als ein Stück Literatur.
So viel, so wenig! Ihre schriftstellerische Fähigkeit und Kompetenz steht ausser Frage. Das Oratorium ist in seiner inhaltlichen Schonungslosigkeit und in der sprachlichen Gestalt, die es hat, der Beweis dafür.
Mit freundlichen Grüssen bleibe ich Ihr
Kurt Marti»

Nicht zuletzt dieser Brief hat mich auf meinen Weg gebracht. Ich habe nicht zu schreiben begonnen, um Journalist zu werden. Ich bin 1981 Journalist geworden, um schreibend leben zu können (ohne mich als «Lyriker» oder «Autor» auf kleinen Nebenbühnen der Kulturindustrie zum Pausenclown machen lassen zu müssen). Das «Oratorium» habe ich dann 1989 in das Nicht-Buch «Konvolut» integriert. Es zu vertonen, war nie meine Absicht. 1978 war mir bereits klar, dass mich das Musikstudium vor allem anderen lehrte, dass ich nie Musiker werden würde.

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Nachdem ich am 4. Mai 1992 zusammen mit Beat Sterchi die Gedenkveranstaltung für René E. Mueller besucht hatte, waren wir uns im Bus, der uns von Bremgarten zurück in die Stadt Bern brachte, einig: Die Geschichte der Berner Subkultur, die Mueller mitgeprägt hat, müsste aufgeschrieben werden. So wurde – irgendwo zwischen Äusserer und Innerer Enge – die Idee zum Projekt NONkONFORM geboren. Im Hinblick darauf, mich für diese Arbeit um einen Werkbeitrag der Stadt zu bewerben, rief ich drei Wochen später, am 24. Mai, als erste Amtshandlung Kurt Marti an, um nachzufragen, ob ihm zum Thema, das er zweifellos besser kannte als ich, Publikationen bekannt seien.

Laut meinem Telefonprotokoll sagte er, eine zusammenhängende Darstellung des Themas sei ihm nicht bekannt, «möglicherweise» gebe es Zeitungsartikel. Er erzählte von den Kellertheatern, den Diskussionskellern und von der Kunsthalle; er erwähnte das politerarische Aperiodikum «Apéro», die Zeitschrift «neutralität» und einige Informanten, die Auskunft geben könnten. Zu seiner eigenen Rolle notierte ich, er, Marti, habe nur am Rand zu dieser Szene gehört; er sei 1961 aus Niederlenz nach Bern zurückgekehrt, sei zu alt gewesen und habe oft keine Zeit gehabt mitzuverfolgen, was gelaufen sei. Seine Unterlagen aus dieser Zeit habe er aus Platzgründen vernichtet.

Daneben gab er mir jenen Hinweis, der mich inhaltlich auf den NONkONFORM-Weg brachte. Ich notierte: «‘Kerzenkreis’, in den 50er Jahren vom Reformpädagogen Begert ins Leben gerufen, später von Walter Zürcher weitergeführt: literarische und Diskussionsabende (hier habe Sergius Golowin gestartet).» Ich weiss, dass ich während dieses Telefongesprächs den Namen von Fritz Jean Begert zum ersten Mal gehört habe.

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Seit ich mit meiner damaligen Lebenspartnerin H. auf November 1995 in das Berner Quartier Obere Schosshalde gezogen war, gehörten Hanni und Kurt Marti zu unseren Nachbarn: Durch die Balkontür der Küche sahen wir an Winterabenden durch den Nussbaum auf dem Nachbargrundstück und quer über die Spittelerstrasse das Licht in Martis Studierzimmer drüben am Kuhnweg. Ab und zu trafen wir uns zu viert zu einem Abendessen oder einem Brunch, drüben bei ihnen oder bei uns.

Und zwischenhinein traf man sich auf der Strasse: «Samstagmorgen. Auf dem Weg zum Einkaufen begegne ich Kurt Marti, dem Nachbarn, im Quartier. Er ist mit Taschen in beiden Händen bereits auf dem Heimweg. Im milden Novemberregen bleiben wir stehen – ich unter einem Regenschirm, er unter einem dunkelblauen Beret – und wechseln ein paar Worte: […]. Schliesslich erzählt er, dass ihn gestern eine Mitarbeiterin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements angerufen habe. Er habe erschreckt gefragt, ob er etwas verbrochen habe. Die Beamtin habe verneint und gefragt, ob er der Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti sei, was ihn zu einem Geständnis genötigt habe. Als er nachfragte, worum es gehe, habe sie gesagt, sie habe dem Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti einen Brief des Bundespräsidenten Arnold Koller zuzustellen, darum brauche sie die Adresse. Was denn im Brief stehe, habe er noch gefragt. Das dürfe sie ihm nicht sagen, er müsse es halt dann lesen.» (8./9.11.1997)

Vermutlich wollte der Bundespräsident gratulieren zum Tucholsky-Preis, der Marti in Berlin kurz zuvor verliehen worden war. Aus diesem Anlass hatten wir ein Gespräch für die WoZ geführt, in dem ich Marti fragte, wo er sich zwischen dem «Staatsdichter» Dürrenmatt und dem «Staatsdissidenten» Frisch einordne. Seine Antwort belehrte mich, dass unterdessen der Kalte Krieg zu Ende war: «Ich bin zum staatsverteidigenden Dichter geworden, weil ich meine: Wer denn soll diesem globalisierten Spiel der Marktkräfte Regeln setzen können, wenn nicht die Politik? Und Politik heisst der Staat und wenn’s der nationale nicht mehr sein kann, dann eben die Europäische Union oder die UNO, auf alle Fälle ein politisches Gremium. Man kann nicht alles der Wirtschaft überlassen.»

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Nicht nur, weil Marti nun nicht selten sein jeweils neuestes Buch vorbeibrachte, wurde ich in der WoZ zu seinem Rezensenten. Bereits im Herbst 1995 besprach ich «Im Sternzeichen des Esels». Es folgten Rezensionen zur «kleinen zeitrevue», zum «Cherubinischen Velofahrer», dem «Prediger Salomo» und einer Neuausgabe des Streitgesprächs mit Robert Mächler, zu «Ein Topf voll Zeit», später zur Gesamtausgabe seiner «Notizen und Details». 2005 hatte ich zudem als damaliges Mitglied der städtischen Literaturkommission die Laudatio auf seinen Gedichtband «zoé zebra» zu halten.

Bei verschiedenen Gelegenheiten habe ich Episoden aus dem Leben des Schriftstellers Marti auf meine Weise auf die Reihe geschrieben. Etwa sein Streitgespräch mit Erwin Heimann zur Funktion von Literatur, 1964 in der Junkere 37 (eine Episode, die ich später auch im Mueller-Buch, S. 286 ff. gewürdigt habe). Oder die Episode, warum sich der Regierungsrat des Kantons Bern 1972 weigerte, ihm die Professur für Homiletik zu geben. Oder das Nötigste zu seiner kurzen aber literaturgeschichtlich relevanten Karriere als Autor in der «Umgangsschpraach».

Als interessierter Laie stellte ich ihm einige Mal auch theologische Fragen. Ich skizzierte, warum der Theologiestudent Marti nach dem Zweiten Weltkrieg nicht Existentialist, sondern Barthisan geworden ist. Ich amtete 2010 als Chronist der OeME-Herbsttagung, in deren Zentrum Martis «nachapostolisches Bekenntnis» stand und er als fast Neunzigjähriger noch einmal an einem öffentlichen Disput teilnahm. Und 2006 haben wir uns für die «Berner Zeitung» über das ewige Leben unterhalten. Bei dieser Gelegenheit habe ich von ihm gelernt: «Illusionär ist die Vorstellung eines ewigen Lebens. ‘Ewig’ heisst: ohne Anfang und ohne Ende. Ewig ist Gott, wir aber haben einen Anfang, also auch ein Ende.»

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Am 17. Oktober 2007 ist Hanni Marti gestorben. Ihre letzte Zeit verbrachte sie in der Altersresidenz Elfenaupark, kurz vor ihrem Tod ist auch Kurt Marti dort eingetreten. Ende August haben – das entnehme ich meinem Tagebuch – H. und ich die beiden dort besucht: «Wieder haben sie uns bei den Sonnenschirmen neben der Rezeption erwartet, wieder haben wir, bis vors Abendessen um 17.30 Uhr, im spätsommerlichen Sonnenschein geplaudert. Hanni konnte nicht mehr am Gespräch teilnehmen […] Als H. langsam einzelne Getränke nannte, war Hanni nicht mehr fähig, sich für eines zu entscheiden und zu nicken. Zuzuhören allerdings schien sie, manchmal lächelnd. Kurt, dem seine Frau, die solange eine hochintelligente und scharfzüngige Gegenspielerin und Partnerin gewesen war, reagierte auf sie selten mit Ungeduld, grundsätzlich aber mit einer abgrundtiefen Hilflosigkeit. Ich hatte den Eindruck, dass er zu lernen hatte, sich in das Unabwendbare zu ergeben. Auch von ihm, der doch den Gottesglauben lebenslang und professionell öffentlich vertreten hat, muss die Erfahrung, dass Vitalität, der Wille zu leben, früher oder später endgültig gebrochen wird – auch der eigene –, schmerzhaft durchlitten werden. […] Als H. und ich uns verabschiedeten, fragte sie Hanni: ‘Wosch es Müntschi?’ – wohl wissend, dass sich die alte Frau manchmal gerne zum Abschied küssen liess, manchmal aber – bärbeissig – jede Berührung ablehnte. Diesmal ging ein offensichtliches Lächeln des Einverständnisses über ihr Gesicht. Wie eine Katze kuschelte sie sich – im Rollstuhl sitzend – für einen Augenblick in H.’s Umarmung, und auch von mir liess sie sich umarmen und küssen. Als wir uns zum Gehen wandten, sagt H., hätten uns beide nachgewinkt. Ich erinnere mich nicht genau. Aber so wird es gewesen sein.» 

Seither habe ich Kurt Marti im Elfenaupark ab und zu besucht. Meistens haben wir zusammen zu Mittag gegessen und geplaudert. Immer habe ich von ihm gelernt – nicht nur, dass ich Overbeck nicht vergessen dürfe –, und immer verging die Zeit wie im Flug. Zum letzten Mal ging ich vor ungefähr einem Jahr vorbei. Weil wegen eines Missverständnisses gleichzeitig auch ein zweiter, mehrköpfiger Besuch am Tisch sass, kamen wir kaum dazu, über Walter Vogt zu sprechen, über den mehr wissen zu wollen ich ihm am Telefon angekündigt hatte. Immerhin ist mir sein Hinweis in Erinnerung geblieben, dass Vogt in den sechziger Jahren, damals noch Röntgenarzt im Tiefenauspital, in vormittäglichen Arbeitspausen ab und zu schnell mit dem Auto am Kuhnweg zu einem Kaffee vorbeigekommen sei.

Am Nachmittag des 11. Februars ist Marti nun im Elfenaupark – im gleichen Zimmer wie neun Jahre zuvor seine Frau – gestorben.

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Am 10. Dezember 2001 habe ich folgendes notiert: «Hanni Marti kommt nachmittags ab und zu vorbei, um mit H. einen Tee zu trinken. Letzthin rief sie beim Eintreten launisch in mein Büro herein: ‘E Gruess vom Truki-Tram!’ Was für ein Tram das sei, fragte ich ratlos zurück. ‘Vom Truk Itram’, betonte sie anders und fügte bei, manchmal müsse man eben die Wörter umdrehen, wenn man sie verstehen wolle.»